Medizin&Wissenschaft

Alle Sicherungen durchgebrannt

Alle Sicherungen durchgebrannt

Wenn Medienschaffende über Atomkraft und Radioaktivität schreiben, sind sie getrieben von einer Mission, die Welt zu retten. Journalistische Prinzipien spielen dann keine Rolle mehr.

Fukushima“ war in den letzten Monaten wieder ein großes Thema. Undichte Tanks, aus denen „verseuchtes“ Wasser ins Meer floss, sorgten für Angstschübe. „Tödlich hohe Strahlenwerte in Fukushima“, lauteten die Schlagzeilen, nachdem sich kontaminiertes Kühlwasser finden ließ. Kaum eine Zeitung sagte dem Publikum aber, dass man das radioaktiv belastete Wasser in Japan gemäß der Internationalen Atombehörde IAEA relativ einfach losbekommen könnte: Man müsste es mittels Filteranlagen weitgehend reinigen und es anschließend ins Meer leiten. Dort würden die radioaktiven Reststoffe rasch verdünnt, ohne Risiken für Mensch und Umwelt.
Doch die Gefahren von Radioaktivität nach objektiven Kriterien einzuordnen, behagt den Journalisten nicht. Lieber schrecken sie die Leser mit immer neuen Schauergeschichten auf. „Schmetterlinge sind die ersten Mutanten von Fukushima“, mahnten zahlreiche Zeitungen 2012 düster. Dass diese Nachricht wissenschaftlich unhaltbar war und es den Insekten um die zerstörten Reaktoren prächtig geht, spielte keine Rolle. Die nächsten Horrormeldungen waren schon unterwegs: „Verseuchte Fische um Fukushima“, las man alsbald. Man hätte solche Fische allerdings gleich kilogrammweise essen müssen, um nur entfernt in die Nähe denkbarer Gesundheits-Risiken zu kommen. Doch solche Einordnungen fehlten. Schließlich ist die Atomkraft ja die allerschlimmste Bedrohung und darum des Teufels – so zumindest das geradezu religiöse Bekenntnis der meisten Medienschaffenden.
Wenn Journalisten im deutschsprachigen Raum über Kernkraft schreiben, brennen bei ihnen sämtliche Sicherungen durch. Maßgebend sind nicht Objektivität und Ausgewogenheit. Entscheidend ist eine Mission. Diese heißt „Rettung der Welt“ vor angeblich schauerlichen Gefahren und finsteren Mächten – auch „Atomlobby“ genannt. Gnadenlos werden aus Japan eintreffende Meldungen nach Nützlichkeit sortiert: Was schrecklich tönt, wird sofort an die Leserschaft weitergegeben. Was dem Bild der ultimativen Katastrophe widerspricht – etwa, dass die Dekontaminierungen in Japan vorangehen und die evakuierte Bevölkerung bald zurückkehren kann –, wird dem Publikum höchstens mit Hohn vorgetragen.
Macht ein von Wahnvorstellungen getriebener Aktivist düstere Prophezeiungen – zum Beispiel, dass wegen „Fukushima“ eine Million Menschen stirbt –, wird ihm sofort mehrspaltig Platz im Blätterwald verschafft. Kommt aber eine fundierte Untersuchung zum Schluss, dass es in Japan nicht mehr Krebs geben wird – wie im letzten Juni ein Forschungsteam der Uno –, schreibt man keine Zeile darüber.
Die Berichterstattung in Deutschland und der Schweiz zur Kernenergie ist so ideologiegetrieben, dass man von einem Medienversagen sprechen muss. Die Bevölkerung ist nicht in der Lage, sich eine objektive Meinung zu bilden, weil ihr essentielle Informationen vorenthalten werden. Das ist vor allem in der Schweiz ein Problem, wo das Stimmvolk über die Energiezukunft entscheidet. Oder konnte man jemals in einer Zeitung lesen, dass die Strahlung an vielen Orten der Welt viel höher liegt als rund um Fukushima, aus völlig natürlichen Gründen? Konnte man erfahren, dass man weite Teile der Alpen wegen der Radioaktivität des Untergrunds sofort evakuieren müsste, würde man die gleichen Kriterien wie in Japan anwenden? Oder ist zu hören, dass Strahlenbiologen starke Hinweise haben, wonach Nuklear-Strahlung in geringen Dosen der Gesundheit nützt – und verstrahlte Arbeiter in Fukushima womöglich besser vor Krebs geschützt sind als ihre unversehrten Kollegen?

Alex Reichmuth arbeitet als Wissenschaftsredakteur beim Schweizer Wochenmagazin „Weltwoche“
alex.reichmuth@weltwoche.ch

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