Medizin&Wissenschaft

Was Wissen-Wertes schafft

Was Wissen-Wertes schafft

Zurechtgeschüttelt und erneut erstarkt: Im Jahr zwei nach dem Relaunch bietet der Kongress der Wissenschaftsjournalisten Wissenswerte einen Blick zurück nach vorn.

Marktplatz, Dialogforum, zentraler Treffpunkt: Vom 25. bis 27. November lädt die Messe Bremen wieder Journalisten, Forscher und Kommunikatoren zu Sessions, Workshops, Debatten und zum Netzwerken – nunmehr zum zehnten Mal. „Wir hatten von Anfang an ein langfristiges Dialogforum im Kopf. Aber wir haben nicht geahnt, dass es so sehr den Nerv der Branche treffen würde“, sagt Holger Hettwer, einer der Programmplaner der ersten Stunde. Seit der ersten Runde 2004 hat sich die „Wissenswerte“ als feste Größe etabliert. Von anfangs 350 hat sich die Teilnehmerzahl inzwischen bei 450 bis 500 eingependelt – deutlich mehr als ursprünglich gedacht. „Anfangs hatten wir nur für 80 bis 100 Leute geplant und dafür einen Standort gesucht. Die Messe Bremen war zwar grundsätzlich interessiert, sagte aber gleich: Wenn, dann müsse es groß aufgezogen sein. Diese Idee war richtig, wie man sieht.“
Seither hat sich die Konferenz entwickelt. Zum Beispiel kamen Stück für Stück neue Formate: 2008 etwa das „Werkstattgespräch“. Hier werden im bewusst kleinen Kreis von rund 20 Kollegen Themen aus der Praxis besprochen. Oder das spielerische „Pitch the Editor“. Seit 2009 können hier Freie ihre Themen an den Redakteur bringen. Ebenfalls 2009 kamen die „Begegnungen“ dazu, bei denen das Gespräch zwischen individuellen Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Journalismus im Mittelpunkt steht.
In diesem Jahr wartet die Wissenswerte unter anderem hiermit auf: Angesichts der häufigen Kritik der Wissenschaft am Journalismus, oft nicht detailkorrekt genug zu sein beziehungsweise der immanenten Unsicherheit von Ergebnissen nicht genug Rechnung zu tragen, wird gefragt: „Muss der Journalismus zum Forscher-TÜV?“ Zwar belastbar, aber dennoch auch mit einer Fehlertoleranz behaftet sind zum Beispiel die Erkenntnisse zum Klimawandel. Spannend dürfte daher beim „Kampf um die Deutungshoheit“ das Aufeinandertreffen von Axel Bojanowski von Spiegel Online und Dirk Maxeiner sein, freier Publizist und Mitherausgeber der „Achse des Guten“. Der eine Warner, der andere eher Skeptiker.
Die Wellen schlagen höher – im Wissenschaftsjournalismus tun sie das schon lang. Die Folge: Eine Flaggschiff-Redaktion nach der anderen geht unter. So berichtet im Werkstattgespräch Lothar Kuhn als ehemaliger Chefredakteur über Erfahrungen und Lehren des deutschen „New Scientists“, der nur wenige Monate überlebt hat. Also: „Wie retten wir den Journalismus?“ Da geht es ums Ganze.
„Zwei Tage voller Anregungen, Reflexionen, Debatten und wissenschaftlichen Panels. Intensiver Austausch mit Kollegen und Referenten. Neben hochkarätigen Vorträgen und Workshops gibt es Zeit und Raum für den Aufbau neuer wichtiger Kontakte, zum Beispiel auf der Abendveranstaltung, in der Lounge, am Schwarzen Brett oder in der Kaffeepause“, sagt die diesjährige Wissenswerte auf ihrer Internetseite über sich selbst. Vermutlich erntet sie dafür auch dieses Mal wieder ordentlich Lob. „Eine einmalige Veranstaltung. Ich finde es anerkennenswert, wie selbstkritisch sich Wissenschaftsjournalisten mit sich selbst beschäftigen, und würde mir das für andere Ressorts auch wünschen“, wird zum Beispiel Thomas Osterkorn zitiert, ehemaliger Chefredakteur und jetzt Herausgeber des „Sterns“.
Aber es gibt auch kritische Stimmen. Die Wissenswerte tritt als Dialogforum an, auf dem sich junge Greenhorns und alte Hasen offen und zwanglos begegnen. Doch inwieweit ist das eingelöst? Einerseits gibt es freie und angestellte Nachwuchsjournalisten, die Weiterbildungen im Rahmen der Projekte „Qualifizierungsprogramm Wissenschaftsjournalismus“ und später der „Initiative Wissenschaftsjournalismus“ gemacht haben und von dort bereits Kontakte zur Konferenz mitbringen. Für sie ist die Wissenswerte eine gute Gelegenheit, um bereits geknüpfte Netzwerkmaschen enger zu zurren.
Manch andere wiederum, denen solche Vorab-Bande fehlen, äußern sich eher verhalten. Es sei schwer, in den „erlauchten Kreis hineinzukommen“, heißt es öfter vage, vor allem von Freien, die namentlich nicht genannt sein wollen. „Das nehme ich erst mal so hin. Aber es irritiert mich auch“, sagt Wissenswerte-Macher Holger Hettwer. „Unser Herz schlägt schließlich stark für die Freien.“ Gerade ihnen wolle die Konferenz Unterstützung bieten.
Aber offenbar gelingt das offene Aufeinanderzugehen nicht immer – nicht zuletzt wegen brancheninterner Querelen. „In den letzten Jahren hat mich mehr und mehr der herrschende Grabenkampf gestört: Auf der einen Seite stehen die guten Wissenschaftsjournalisten, die für die unabhängige Presse arbeiten, auch wenn sie sich selbst kaum finanzieren können. Auf der anderen Seite stehen die Bösen, die sich des besseren Verdienstes wegen auch in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit engagieren. Das Dogma des hehren Journalisten entspricht doch nicht mehr der heutigen Arbeitswirklichkeit“, sagt die freie Medizinjournalistin Heidrun Riehl-Halen, die ausnahmslos jede Wissenswerte besucht hat.
Dieser Konflikt spiegelt sich unter anderem auch in den Haltungen der beiden Berufsverbände Wissenschaftspressekonferenz (WPK) und Technisch-Literarische Gesellschaft (TELI). Die einen vertreten journalistische Arbeit rein im Sinne der unabhängigen Presse ohne jede Tätigkeit für Public Relations im Interesse einer Institution. Die anderen stehen für mehr Miteinander von Presse und PR. Reibereien vorprogrammiert. Auf der ersten Wissenswerte 2004 etwa gab es eine Session, in der es darum ging, ob der Wissenschaftsjournalismus einen gemeinsamen Dachverband brauche. „Schon damals standen sich beide Lager unversöhnlich gegenüber, während draußen jede Menge junger Journalisten unterwegs waren, die dieser Streit nicht sonderlich interessierte“, erinnert sich Holger Hettwer.
„Dennoch ist das Miteinander von Journalismus und PR ein Leitmotiv, das sich bisher durch jede Wissenswerte gezogen hat. Wir als Programmplaner halten uns, auch jetzt unter Flagge der WPK, bewusst aus dieser Frage heraus und können nur eine Plattform für diese Diskussion bieten.“ Angesichts der Kritik sollte es künftig vielleicht einmal wieder eine Session geben, die den Konflikt direkt thematisiert.
Für die Zukunft wolle man das Programmschema jedenfalls „einmal ordentlich durchschütteln“, so Hettwer. Neuland ist zum Beispiel, dass die Tagung 2014 auf Reisen geht. Wohin es geht, wird auf der diesjährigen Veranstaltung bekannt gegeben. „Da wir also ohnehin den gewohnten Boden verlassen, können wir auch inhaltlich experimentieren.“ Es bleibt also auch künftig spannend, was Wissen Wertes schafft.

Info:
Voranmeldungen sind bis zum 17. November möglich. Eine Dreitageskarte kostet 148 Euro, ermäßigt 118 Euro.
Link:
www.wissenswerte-bremen.de

Cornelia Reichert ist freie Wissenschaftsjournalistin, Ausstellungstexterin und Lektorin in Bremen
cornelia.reichert@wortboten.de

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