Medizin&Wissenschaft

Zensur in neuen Kleidern

Zensur in neuen Kleidern

Eine neue Art der Zensur geht um. Sie arbeitet mit eiserner Faust in Samthandschuhen. Nicht nur Wissenschaftsjournalisten in Osteuropa sind davon betroffen.

Nach acht Weltkonferenzen wird die Luft dünn. Da haben regelmäßige Besucher bei manchen Sitzungen ein „Dé-jà-vu“-Erlebnis. Die diesjährige Weltkonferenz der Wissenschaftsjournalisten in Helsinki konnte indes mit thematischem Neuland punkten. Seit dem Niedergang des Ostblocks ist fast ein Vierteljahrhundert vergangen. Eine Aufarbeitung des Wissenschaftsjournalismus im Kommunismus sucht man jedoch vergeblich, wie auch der Medienwissenschaftler Winfried Göpfert bestätigt. Erfahrene Journalisten aus ehemals totalitären Staaten gaben nun den Anstoß dazu, passend zum Konferenzmotto WCSJ 2013: „Meinungsfreiheit und Kritik“. Die Panel-Teilnehmer rechneten die Erfahrungen der alten gegen die der neuen Zeit auf. Ihre Bilanz ist für den Wissenschaftsjournalismus westlicher Prägung wenig schmeichelhaft.
Dies unterlegte Blanka Jergovic, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Zagreb und Wissenschaftsjournalistin bei Radio Kroatien, mit überzeugenden Statistiken. „Im ehemaligen Jugoslawien wurden die Medien zwar vom Staat überwacht“, sagte Jergovic. Aber sie hatten einen Bildungsauftrag und berichteten regelmäßig und ausführlich über Spitzenforschung. „Heute finden sich Häppchen davon im Unterhaltungsteil wieder“, bedauerte die Kroatin. Auch die Tendenz zum Monopolismus werde wieder stärker. Die Essener WAZ Mediengruppe (mittlerweile Funke) gebe 60 Prozent der Zeitungen heraus.
In eine lebendige Geschichtsstunde, mit einem Hauch Nostalgie, verwandelte die Pragerin Marina Huzvarova die Veranstaltung. Während des kommunistischen Regimes versammelten sich Hunderttausende Tschechoslowaken, oft ganze Familien, jeden Sonnabendmorgen vor ihren Radiogeräten und warteten ungeduldig auf die Meteor-Erkennungsmelodie. Dies war ein populäres Programm, das seine Hörerschaft mit raffinierten Toneffekten auf eine spannende Reise durch die neuesten Erkenntnisse aus Biologie und Technologie nahm.
„Natürlich nahm ein Zensor jede Sendung ab“, sagte Huzvarova. Aber anders als Politik und Kultur, Sozial- und Humanwissenschaften waren die Naturwissenschaften kein Gegenstand ideologischer Agitation und Manipulation. Kaum ein Zensor kannte sich auf diesem Gebiet der Wissenschaft aus. Physik, Chemie und Technik waren für den Sieg des Sozialismus außerdem so wichtig, dass Sendungen darüber praktisch durchgewinkt wurden. Meteor hat bis heute überlebt und fasziniert weiterhin.
Die Referentin, Mitglied des Clubs der tschechischen Wissenschaftsjournalisten, kam zu einem paradoxen Schluss. Möglicherweise hatte der Beruf unter der Zensur größere inhaltliche Freiheit, „denn heute müssen wir uns den Regeln der Besitzer der Medien unterwerfen, und die kennen nur finanzielle Interessen“. Sie erhielt Unterstützung von ihrem Kollegen Alexandru Mironov aus Bukarest, Autor vieler populärwissenschaftlicher Bücher. „Wenn ich das hätte voraussehen können“, rief er in den Saal, „ hätte ich mich fragen müssen, ob meine Teilnahme an der rumänischen Revolution wirklich sinnvoll war.“
Bei dieser wissenschaftsjournalistischen Retrospektive und Nabelschau durfte Russland nicht fehlen. „Was haben wir gefeiert, als 1990 Moskau die Zensur offiziell aufhob“, berichtete Viola Egikova, Vize-Präsidentin des Dachverbands der europäischen Wissenschaftsjournalisten EUSJA. Doch sie kehre durch die Hintertür zurück. So können Medien jederzeit für die Beleidigung öffentlicher Personen dichtgemacht werden, aber die Gesetze sind vage und definieren nicht den strafbaren Tatbestand und inkriminierende Formulierungen. Das öffnet der Willkür Tür und Tor, auch gegenüber der freien Meinung im Internet, sagte Egikova. Das alles laste auch auf den russischen Wissenschaftsjournalisten, die verelenden. Überall in den Medien werde die Forschungsberichterstattung gekürzt. Ein einst angesehener Beruf sinke ab ins Prekariat.
Forscher würden von der Politik außerdem systematisch lächerlich gemacht. Ziel sei, die Bevölkerung im Zustand der Dummheit zu halten und sie so besser beherrschen zu können. „Das sind die neuen Kleider des Totalitarismus“, erklärte Egikova und rief den internationalen Wissenschaftsjournalismus zum Kampf dagegen auf: mit den Mitteln der Verbreitung von Wissenschaft und Bildung. Mutige Worte für eine Bürgerin im Putin-Russland, fand ihr Publikum in Helsinki.
Dennoch hätte das alles in den Ohren westlicher Zuhörer als Sehnsucht nach der guten alten Zeit klingen können, wenn ihnen nicht ein US-Amerikaner den eigenen Spiegel vorgehalten hätte. Der US-Wissenschaftsjournalismus, für viele Europäer ein Vorbild, hat schon immer eine Zensur durch Behörden und Wissenschaft akzeptiert, sagte James Cornell, Präsident der International Science Writers Association (ISWA). Von der Entwicklung der Atombombe über Pannen beim Spaceshuttle bis zum Klimawandel: Die beste Kontrolle sei, Information gar nicht erst zugänglich zu machen, sich dumm zu stellen, abzublocken, was auch US-Präsident Obama mittlerweile gut beherrsche.
Cornells Kernsatz, der auf der Konferenz schnell die Runde machte: „In vielen neuen Demokratien ist die einst plumpe sowjetische Zensur ersetzt worden durch den Samthandschuhstil der US-Bürokraten, hinter dem sich allerdings eine eiserne Faust verbirgt.“

Unterwegs zu neuen Ufern
Die Weltföderation der Wissenschaftsjournalisten WFSJ, mit Sitz in Kanada, feierte unlängst ihren 10. Geburtstag. Sie hat 45 Mitgliedsorganisationen weltweit, die alle zwei Jahre zu einer Weltkonferenz zusammenkommen. Die diesjährige in Helsinki wurde von 800 Teilnehmern besucht. Der Weltverband hat 90 neue Wissenschaftsjournalisten in Afrika und der arabischen Welt ausgebildet. Die NGO wird hauptsächlich von Stiftungen in Kanada, England und den Niederlanden finanziert. Das Trainingsprogramm wurde jetzt auf Länder Südostasiens ausgeweitet. Der neue Geschäftsführer Damien Chalaud, Engländer und Franzose, ist Journalist und Medienberater mit großer internationaler Erfahrung. Er kann sich vorstellen, den Weltverband besser mit seinen europäischen Partnerorganisationen zu verzahnen und auch hier Training anzubieten. Das ließe sich abrunden durch eine regelmäßig stattfindende europäische Konferenz für Wissenschaftsjournalisten, eventuell zusammen mit ESOF.

Links:
www.wfsj.org
http://wcsj2013.org

Wolfgang C. Goede ist Honorary Secretary des Dachverbands europäischer Wissenschaftsjournalisten EUSJA
w.goede@gmx.net

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